• Wie politische Probleme gelöst werden können

    Wie angekündigt, hier mein Text zur Lösung gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Probleme, wie ich sie mir vorstellen kann - ich wurde gefragt, welche Reformen ich denn durchsetzen wollte, um unsere zahlreichen Probleme in Deutschland zu lösen. Darauf musste ich jedoch erwidern, dass ich eine Auflistung solcher möglicher Reformen für unproduktiv halte. Hier erkläre ich warum:

    Das Grundproblem der heutigen Politik ist, dass in Deutschland Politiker in einem verantwortungsfreien Raum ihre eigenen Interessen und die ihrer Parteien durchsetzen können.

    Dies führt zu Verschwendungen und zu Subventionen in Milliardenhöhe, die lediglich bestimmten Interessensgruppen, nicht aber der allgemeinen Bevölkerung zugute kommen.

    Ab und zu wird dann ein Einzelfall rausgesucht, von den Medien thematisiert und dabei skandalisiert, bis schließlich Parlamente oder Regierungen schnell halbgare Gesetzesänderungen durchsetzen, die meist nur gut klingen, tatsächlich aber nichts verbessern.
    Das Thema ist vom Tisch, ein paar Politiker ernten Pluspunkte und am Ende richtet das Gesetz mehr Schaden an als es Nutzen bringt.

    Das bringt so nichts, und es ist auch nicht hilfreich, wenn etwa Bürgerinitiativen oder heutzutage auch Blogger solche Einzelfälle thematisieren und die Lösung des Problems fordern.

    Stattdesse muss das ganze fundamentaler angegangen werden:
    Was sind die Ursachen der massiven Steuerverschwendungen, lobbyistischen Subventionen, unseres ungerechten Steuersystems ("der Ehrliche ist der Dumme") usw.?

    Dauerhafte schlechte und undemokratische Politik. Das Problem kann nur durch eine Systemveränderung geändert werden - eine Veränderung des politischen Systems der Bundesrepublik.

    Was wäre da sinnvoll?
    Eine Veränderung auf politischer Ebene selbst: eine Stärkung der Parlamente, eine Entwirrung des Kompetenzenstreites sowie eine Schwächung des Bundesrates wäre durch eine sinnvolle Föderalismusreform möglich.
    Aber grundsätzlich kann dies mit unserem politischen System nicht funktionieren: die Landesminister wissen, dass sie dadurch an Macht verlieren und lassen nur das nötigste, dass ihre Macht nicht wirklich angreift, geschehen.
    Das Parlament kann seine eigene Stärkung nicht durchsetzen, weil es dazu die Verfassung ändern muss, wozu es den Bundesrat benötigt, usw.

    Weiter ist auch unser Bundestatg nicht nur von Landesministern abhängig, sondern auch von der Bundesregierung.
    De facto kontrolliert diese das gesamte Parlament:
    Sie hat die meisten namhaften Spitzenpolitiker der jeweiligen Regierungsparteien in seinem Kabinett. Diese sind häufig auch wichtige Parteivorstände, haben also enormen Einfluss auf die Fraktionen.
    Noch dazu kann die Bundesregierung bzw. der jeweilige Kanzler mit dem Rücktritt drohen, was in der Regel zur Auflösung des Bundestages führt.
    Das Schauspiel unter Schröder mit seinen Rücktrittsdrohungen das dann in seiner "Vetrauensfrage"-Farce gipfelte ist dafür ein sehr gutes Beispiel.

    Es bräuchte also noch weitere Reformen, die schon radikaler wären als eine echte Föderalismusreform: eine tatsächliche Gewaltenteilung, mit unabhängiger Exekutive und Legislative wie in den USA wäre ein, so denke ich, sehr interessanter Gedanke.

    Aber soetwas sind Fragen, die man erst stellen kann, wenn es denn überhaupt eine Kraft in Deutschland gibt, die 1. an der Macht ist und tatsächlich Macht ausüben kann, also instanzen- und gewaltenübergreifend gestalten kann, die 2. an einer solchen positiven Veränderung - also einer Veränderung im sinne des Volkes bzw. seiner Mehrheit - auch ein berechtigtes, aus seiner Natur stammendes Interesse hat.

    Welche ist das? Natürlich keine Partei oder ein sonstiger Interessenverband. Solche haben aus gutem Grund keine größeren Machtbefugnisse als heute.

    Die Lösung ist einfach: das Volk selbst muss an die Macht.

    Das heißt: das Volk muss selbst direkt dazu in der Lage sein, das politische System, welches seinen Interessen dienen soll, zu verändern, und es muss auch in der konkreten Politik mitbestimmen können.
    Kurz: direkte Demokratie, auf Bundesebene.

    Das ist nun keine sonderlich spektakuläre Forderung.
    Es ist auch keine Lösung für unsere Probleme an sich - es bietet aber das Mittel zur Lösung zahlreicher politischer Probleme die wir heute haben: eine Kraft, die ein berechtigtes, unveränderliches, soll heißen: egoistisches Interesse daran hat, gute Politik durch ein klares, sinnvolles, transparantes politisches System prinzipiell zu ermöglichen und praktisch auch auszuführen.

    Argumente gegen einen solchen Volksentscheid gibt es zahlreiche, es sind zuviele als das man auf jedes detailliert eingehen könnte. Die meisten sind auch Argumente gegen die Demokratie an sich, in der Regel bezogen auf die Kompetenz der Politiker. Eine ausführliche Widerlegung einiger Punkte bieten die Positionen von Mehr Demokratie e.V., sowie deren Diskussionspapiere.

    Einen guten Überblick zum Thema Volksentscheid bietet außerdem diese Pro-Contra-Liste.

    Einige Befürchtungen bezüglich der Kompetenz der Bürger lassen sich recht leicht auflösen, weswegen ich hier noch kurz darauf eingehen will:
    1. ist die Kompetenz unserer Politiker, egal ob einfacher Abgeordneter, oder Spitzenpolitiker, wie erwiesen ist, selbst nicht sonderlich hoch. Umfragen unter Abgeordneten, die vor wichtigen Abstimmungen standen, ergaben, dass diese nichteinmal die grundsätzlichsten Eckpunkte nennen konnten, selbst bei einem Gesetz wie etwa der EU-Verfassung.
    2. entscheidend in der Politik ist nicht primär Kompetenz, sondern vor allem Willen und Interesse. Unabhängig von der Kompetenz der Politiker gilt leider: Politiker dienen sich selbst zuerst, danach ihrer Partei und ihrer Klientel, aber höchstens zuletzt dem Volk. Das Volk hingegen "dient" nur sich selbst.
    3. die Kompetenz der Bürger ist vielleicht geringer im theoretischen, dafür aber umso höher im praktischen Bereich: sie bringen nicht nur einen enormen Erfahrungsschatz aus ihrem Leben ein, sie spüren auch die Folgen ihres Handelns selbst, während Politiker davon meist recht gut isoliert sind.
    4. außerdem gibt es eine Tendenz, die hier wichtig ist: das Interesse an einem Thema wächst mit der Entscheidungskompetenz die man diesbezüglich hat. Konkret: wenn das Volk herrscht, wird es sich auch für die Politik interessieren.

  • Sind wir paranoid genug?

    So fragt heute ein Heise-Artikel über den 23C3, den 23. Treff von Hackern des Chaos Computer Clubs und allen, die sonst noch so dabei sein wollten.

    Der Bericht listet eine Menge neuer oder noch kaum bekannter Überwachungstechniken auf, teilweise ziemlich beunruhigend.

    Und: Der Kölner Strafrechtler Marco Gercke warnte davor, Regierungen als Sicherheitsgaranten in einer Welt ständig heraufbeschworener terroristischer Akte zu sehen. "Wir können Regierungen nicht trauen, wir müssen sie kontrollieren", betonte Gercke unter dem Beifall der Hackergemeinde. ... "Know your Citizens", beschrieb der Wissenschaftler das Motto von Regierungen im digitalen Zeitalter. Das Spektrum gehe von der verdachtsunabhängigen Vorratsdatenspeicherung über Volkszählungen, die Erfassung von Kfz-Kennzeichen, Videoüberwachung, Mautsysteme bis hin zu Ausweisdokumenten, die nun mit der Funktechnik RFID und Fingerabdrücken aufgerüstet würden.

  • 3/4 der Unionswähler wollen direkte Demokratie

    Nur als Randnotiz: es gab mal wieder eine dieser Umfragen zum Thema politisches System und Demokratie in Deutschland, der Spiegel berichtet.

    80% der Deutschen glauben, dass sich die Politik nicht fürs Volk interessiert, 60% sind unzufrieden mit dem politischen System in Deutschland, im Osten 80%, usw.

    Soweit nichts neues. 80% wollen deswegen mehr Demokratie, auch nicht weiter überraschend.

    Interessant ist höchstens: 75% aller CDU/CSU-Wähler wollen direkte Demokratie.

    Die Union ist übrigens die einzige im Bundestag vertretene Fraktion die den Volksentscheid auf Bundesebene ablehnt.

    Dass nun die CDU sich nicht für ihre Wähler interessiert, ist klar und nicht weiter von Belang.

    Aber - warum wählen eigentlich diese 75% noch schwarz?!

  • Mehr tote Amerikaner im Irak als bei 9/11

    Heute hat die Zahl der getöteten US-Soldaten im Irak die Zahl der Todesopfer vom 11. September 2001 offiziell überstiegen, meldet der Spiegel.

    Das ist eine Zahl, die hoffentlich auch in den USA für Aufsehen sorgt, und die Begeisterung für weitere solche Kriege oder eine Fortführung des Irakdesasters um weitere Jahre - wie derzeit offenbar geplant - ein wenig dämpft.

    Im selben Zeitraum sind übrigens nach einer Studie rund 600.000 irakische Zivilisten durch den Krieg und seine Folgen gestorben, nachdem zuvor bereits rund eine Million Iraker durch das US-Embargo umgekommen sind.

    Aber letzteres interessiert natürlich niemanden, es handelt sich schließlich nicht um Amerikaner.

  • Zum Thema "Schulsystem"

    In der Welt erschien heute ein Artikel zum Thema Jungen, Computerspiele und Bildung; "Computerspiele machen Jungen zukunftsfähig", so der Titel und die Zentralthese des Autors.

    Wesentlicher Inhalt:
    - Männliche Jugendliche spielen häufiger Videospiele als weibliche
    - Computerspiele, Surfen im Internet usw. machen fit fürs "digitale Zeitalter" und sind darum durchaus auch förderlich
    - Das Schulsystem ist mit der "digitalen Revolution" überfordert, darum suchen sich Jugendliche "komptenteren Zugang" zur neuen Medienwelt

    Mein Kommentar:
    Das ganze ist entweder von den Wünschen des (männlichen) Autors geleitet, oder aber es solle eine gezielt neuartige, "revolutionäre" These darstellen.
    Für mich jedenfalls ergibt sie keinen Sinn:

    Spätestens bei seinem Erklärungsversuch für den Medienkonsum kann ich ihm nicht mehr folgen: "bewusst oder unbewusst" passe man sich "neuartigen Realitäten" an.

    Glaubt der Autor wirklich, der durchschnittliche Jugendliche würde sich einem neuen Zeitalter anpassen wollen, indem er surft und "zockt"?

    Wie kommt man zu einer derartigen These? Das würde bedeuten, dass Jungen sich "bewusst oder unbewusst" neuen beruflichen Anforderungen anpassen würden, als Mädchen.
    Wieso sollten Sie das?

    Die Statistiken wären doch viel realistischer zu erklären: männliche Jugendliche spielen und surfen mehr am PC, weil es zu ihrem Charakter besser passt: schnelle, in Fällen von Computerspielen, häufig an Gewalt und "Action" orientierte Spiele, dazu im Internet die Möglichkeit zum schnellen Wechsel zwischen quasi beliebig vielen Seiten.
    Große Konzentrationsfähigkeit, lange Aufmerksamkeitsspannen oder ähnliches wird da meist nicht verlangt.

    Das langwierige, aufmerksame Zuhören und Lernen im heutigen Unterricht passt eher zum klassischen Bild von Mädchen.
    Ob diese Tendenz nun tatsächlich angeboren ist, wie man mit ein paar evolutionsbiologistischen Behauptungen leicht "beweisen" könnte, oder ob es nur einem anerzogenen Geschlechtercharakter entspricht ("Rollenbild"), darüber kann man nun lange streiten, Fakt scheint mir aber, dass es dieses geschlechtsspezifische Verhalten häufig gibt.

    Damit wäre das geklärt - das Problem, dass Jungen schlechtere Noten erhalten, öfter die Schule schwänzen und generel immmer weiter im Bildungssystem abstürzen, ist damit aber nicht so schön umgangen, wie es im Artikel des Herrn Bergmann in der Welt gelungen ist.

    Das Problem wird damit für nicht-existent erklärt, und genau da macht es sich der Autor auch, so denke ich, zu leicht: wenn Jungen - obwohl Männer und Frauen in IQ-Tests regelmäßig gleich gut abschneiden, beide Geschlechter durchschnittlich also gleich intelligent sind - wenn Jungen also deutlich schlechter abschneiden, muss dieses Problem behoben werden, insofern dies geht.

    Dabei muss man anerkennen, dass das alte Schulmodell von der ruhig herumsitzenden Klasse, die artig ihrem Lehrer zuhören und dabei lernen, nicht mehr wirklich funktioniert - nicht nur bei Jungs, auch Mädchen schneiden langsam, aber stetig, schlechter ab.

    Also muss man über neue Schulformen nachdenken. Daovn gibt es jede Menge - von einzelnen Schulkonzepten wie der Waldorf-Schule oder der Montessori-Schule bis hin zum "skandinavischen Modell" wie in Finnland oder auch dem DDR-Schulsystem.

    "Mehr individuelle Förderung" ist dabei bei fast allen Modellen ein Zentralpunkt.

    Dabei müsste man natürlich auch auf Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen eingehen.

    Dass das finnische Shculmodell kein Allheilmittel ist, zeigt auch, dass gerade dort der Leistungsunterschied zwischen Jungen und Mädchen beim Lesen am größten ist.

    Aber man darf das ganze auch nicht auf die Schule reduzieren:
    Dass beispielsweise Jungen beim Lesen von längeren Erzählungen und Darlegungen Probleme haben (kürzere Texte, wie Tabellen o.ä., machen kaum Probleme) dürfte auch gerade an dem stärkeren Internet- und Computerspielekonsum von Jungen liegen.

    Dieses reduziert nachgewiesenermaßen die Aufmerksamkeitsfähigkeit.
    Wenn Jungen aber seit frühester Kindheit immer häufiger vor Fernseher und Spielekonsole geparkt werden - vielleicht auch weil Jungen lebhafter, körperlich aktiver sind und daher Eltern größere Probleme bereiten als "ruhigere" Mädchen - ist es kein Wunder, dass langfristig die Konzentrationsfähigkeit und das Interesse am Lesen von längeren Texten nachlässt.

    Es muss also auch bei der Erziehung von Jungen gerade mehr getan werden, es sollte endlich nicht nur Förderprogramme vor allem für Mädchen, sondern auch Bildungsförderungen für Jungen geben, bei schlechteren Ergebnissen in der Schule müsste es sogar viel stärkere Programme für diese geben als für Mädchen und junge Frauen.

    Schulen sollten sich auch an die Interessen und Eigenschaften von Jungen orientieren - natürlich ohne die der Mädchen zu ignorieren. Das muss nicht notwendigerweise zur geschlechtsgetrennten Bildung führen, wie dies manchmal gefordert wird.

    Deutlich mehr individuelle Förderung, mehr Freiheit im Unterricht selbst, viel mehr unterschiedliche Schulformen, die aktiv vom Staat gefördert werden, damit Schüler auf die Schule gehen können, die am besten zu ihnen passt.

    Im Gegensatz zur geschlechtsspezifischen Schule könnten so auch negative Seiteneffekte, wie etwa eine soziale Isolierung von Jungs und Mädchen, vermieden werden, außerdem würden auch "Ausreissern von der Statistik" nicht in ein Rollenverhalten gezwängt das nicht zu ihnen passt - denn nicht jedes Kind passt schließlich ideal zur statistischen Norm.

    Vorraussetzen würde das aber:
    - den Willen zur Aufgabe der heutigen "Bildungsmonopole", in der andere Schulformen als die gängige nur als Randerscheinung existieren
    - und bezogen auf Jungen: die Bereitschaft, Männer und männliche Kinder nicht immer, wie heute so beliebt, nur zu verurteilen, sondern sie auch einmal zu fördern.

    Solche Resultate der Frustration von gescheiterten Feministinnen darf es zukünftig nicht mehr geben.

  • Datenschützer müssen unabhängiger werden

    Bevor ich es vergesse: heute (mittlerweile gestern) hat der Bürgerrechtler Patrick Breyer golem.de mitgeteilt, dass eine Beschwerde in Bezug auf die nicht gewährleistete Unabhängigkeit der Landesdatenschützer von der EU-Kommission angenommen wurde.

    Laut dem Artikel droht Deutschland eine Klage der Kommission vor dem europäischen Gerichtshof, wenn nicht innerhalb von 2 Monaten die Unabhängigkeit der den Datenschutz überwachenden Behörden, geltendem EU-Recht genügend, gewährleistet wird.

    Endlich mal eine positive Nachricht aus Datenschutzperspektive, denn:
    "Es liegt auf der Hand, dass Staatsbehörden eher auf der Seite von Polizei und Geheimdiensten stehen als entschieden für den Schutz unseres Privatlebens einzutreten. Als Gegengewicht zu politischem Sicherheitsaktionismus und Datensammelei in der Wirtschaft brauchen wir unabhängige Datenschutzbeauftragte, die es sich leisten können, bei Bedarf auch die Innenminister öffentlich zu kritisieren", betont Breyer.

    Jutta Limbach, frühere Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts: "Die Unabhängigkeit ist den Datenschützern nicht um ihrer selbst willen, sondern im Interesse der Bürger und Bürgerinnen eingeräumt worden. ... Diese Geisteshaltung bewahrt auch vor der Gefahr vorauseilender Selbstzensur in einer Zeit, die den Datenschutz gern als Täterschutz oder gar als Standortnachteil begreift."

  • Hartz I-III wirkungslos und kontraproduktiv

    Bei Telepolis schreibt "Twister" (s.u.) heute in einem herausragend sinnvollen Artikel (Artikel, die irgendwie Sinn ergeben, sind heutzutage Mangelware) über Hernico Frank, den Medienhype um ihn und seine Auswirkungen.

    Die interessanteste Stelle findet sich am Ende des Beitrags:

    Zur gleichen Zeit bescheinigt eine 2.500 Seiten umfassende Untersuchung, dass die Arbeitsmarktreformen HartzI-HartzIII weitgehend wirkungslos waren, wenn es darum ging, Arbeitslose wieder in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Vielfach hätten sie sich sogar als kontraproduktiv erwiesen, da Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen und auch durch Personal Service Agenturen vermittelte Arbeitsplätze langfristig die Eingliederung in den Arbeitsmarkt erschwerten. Ferner seien die Minijobs für Arbeitslose nicht zur Brücke in den Arbeitsmarkt geworden. Die Chancen für schwer vermittelbare Arbeitslose seien schlechter als zuvor.

    Aber das lässt sich natürlich leicht ignorieren, wenn es nur noch um Moralismus, Vorwürfe und ein etwas seltsames Gerechtigkeitsempfinden geht.

  • "Quantensprung" in Richtung Überwachungsstaat

    Der nordrheinwestfälische Landtag hat gestern das neue Verfassungsschutzgesetz verabschiedet, nachdem zukünfitg ohne jede Beschränkung und ohne anschließende Kontroll- oder Berufungsmöglichkeit durch den Betroffenen der Staat auf Festplatten durch Trojaner zugreifen darf.
    Abwehrmöglichkeiten dürften dagegen bei den Möglichkeiten des Staates nicht existieren, schon gar nicht für normale Windows-Benutzer die noch dazu keinen Router inkl. höchsten Sicherheitseinstellungen haben.
    Zukünftig kann der Verfassungsschutz also auf Festplatten, Webcams, Mikrofone etc. zugreifen und somit Haushalte rundum überwachen, ohne lästige Grundrechte wie etwa die Unverletzlichkeit der Wohnung und das Recht auf informationelle Selbstbestimmung beachten zu müssen.

    Für die FDP, die diesem Gesetz zugestimmt und damit bewiesen hat, dass sie entgegen aller Behauptungen keinerlei Interesse am Schutz der Grundrechte hat, ist das nun das "modernste" Verfassungsschutzgesetz und ein "Quantensprung" (Landesinnenminister Wolf).

    Endlich stünde der Staat auf Augenhöhe mit "Leuten, die Böses im Schilde führen".
    Da allerdings hat der Herr Wolf Recht.
    Der Staat steht jetzt endlich auf einer Stufe mit Verbrechern und Kriminellen.

    Die Datenschützerein Bettina Winsemann (alias 'Twister') hat unterdessen eine Verfassungsbeschwerde angekündigt. Die Grünen, welche das Gesetz als verfassungswidrig bezeichnet hatten, planen eine solche hingegen offenbar nicht.

    Alles in allem ein Vorgang, den man sich merken sollte, wenn zukünftig FDP oder Grüne wieder mit der Behauptung auftreten, sie wollten Bürgerrechte schützen.

  • Henrico F. - eigentlich irrelevant

    Ein auch ansonsten hervorragender Artikel im Bildblog berichtet heute über die verzerrende und in vielen Medien falsch wiergegebene Berichterstattung über den Arbeitslosen Henrico Frank.
    Interessanter ist aber noch der Schluss des Kommentars, Zitat:
    "Den CDU-Politiker Michael Fuchs hingegen zitierte "Bild" gestern mit den Worten:

    Was wirft das für ein Licht auf all die anderen Arbeitslosen! Henrico Frank bringt sie alle in Verruf.

    Tut er das wirklich? Oder tun das nicht "Bild" und die anderen Medien, die das Verhalten Franks in einer Breite diskutieren, die gar keinen Sinn ergäbe, wenn sie davon ausgingen, dass Franks Verhalten ein völliger Einzelfall wäre. Dadurch, dass sie den Fall seit einer Woche ausführlich begleiten, suggerieren sie erst, dass es sich um ein grundsätzliches Phänomen und Problem handelt.

    Der Politologe Frank Oschmiansky hat vor einigen Jahren die Konjunktur der immer wiederkehrenden "Faulheitsdebatten" untersucht und befand, sie folgten "zu einem guten Teil politischen Kalkülen". Sie ließen bei den Bürgern den Eindruck entstehen, der "Missbrauch sozialer Leistungen" sei eines der größten Probleme dieses Landes – dabei sei der Schaden rechnerisch "marginal" gegenüber Delikten wie Schwarzarbeit, Subventionsmissbrauch, Korruption oder Steuerhinterziehung. Oschmianskys Fazit:

    Zudem zielen die "Faulheitsvorwürfe" darauf, das sozialpsychologische Klima zu schaffen, um Leistungseinschränkungen oder auch Zumutbarkeits- oder Sanktionsverschärfungen den Boden zu bereiten. (…) Durch die Skandalisierung des Leistungsmissbrauchs wird ein Klima erzeugt, in dem Kürzungen von Sozialleistungen leichter durchsetzbar sind."

    Damit spricht der Bildblog ein denke ich sehr wichtiges Thema an: Unabhängig davon, ob einige oder sogar viele Arbeitslose immer noch "Sozialmissbrauch" betreiben können, und unabhängig davon, wie "dreist" das erscheinen mag: nüchtern betrachtet ist der Sozialmissbrauch in Deutschland kein allzu wichtiges Problem.
    Schon die Hartz-IV-Regelungen sollten diesen "Sozialmissbrauch" bekämpfen, und nebenbei senkten sie auch de facto die Zahlungen an die Empfänger.

    Dennoch erhöhten sich die Ausgaben für die Bundesagentur für Arbeit - eben weil durch die immer neuen Überprüfungen, Anforderungen an Arbeitslose usw. die Verwaltungskosten immer weiter anstiegen.
    Obwohl die Mehrheit der Empfänger von Alg-II weniger Leistungen erhielten als vor den Reformen, stiegen die Kosten rasant an.

    Und das soll jetzt immer weiter geschehen?

    Viel sinnvoller wäre es, etwas gegen (legale und illegale) Steuerhinterziehung, Steuerverschwendungen (s. Schwarzbuch des Steuerzahlerbundes), Korruption und Schwarzarbeit zu bekämpfen - endlich auch mit härteren Strafen für die betreffenden Arbeitgeber, die schließlich davon am meisten profitieren.

    Aber natürlich ist es viel leichter und bequemer in der BLÖD-Zeitung die nächste Verschärfung von Hartz-IV gegen die "faulen Arbeitslosen" anzukündigen.

  • Superkuh existiert wahrscheinlich

    Vor kurzem wurde im PM eine Theorie vorgestellt, nach der Gott wissenschaftlich gesehen wahrscheinlich existiert.

    Das ist natürlich per se schon Unsinn, wie jeder, der Occams Razor kennt, begründen können müsste.

    Aber tun wir uns das ganze mal an:

    Das ganze hat 5 Indikatoren - Existenz des Universums, seine Ordnung (Kausalität?), die Evolution, "gut und böse", schließlich religiöse Erfahrungen.
    Ausgegangen wird von einer Wahrscheinlichkeit von 50% dafür, dass Gott existiert.

    Das mag zwar sehr politisch korrekt sein, ist aber erkenntnistheoretischer Nonsense.
    Welche Anfangswahrscheinlichkeit für die Existenz Gottes? Die ist 0%, weil dafür anfangs keine Indizien existieren.
    Eine Hypothese muss belegt werden, man kann nicht automatisch 50% als Ausgangswahrscheinlichkeit annehmen. Sonst kann man alles beweisen. Demonstration:

    Hypothese ist, dass die große lila Superkuh existiert. Anfangswahrscheinlichkeit ist 50%.

    Indizien:
    - Die Existenz des Universums.
    Ohne Universum keine Kühe.
    - Die Ordnung des Universums
    Ohne Kausalität - keine Kühe! (Die Kuh ist der Feind des Chaos. Die Superkuh und das Chaos werden vermutlich irgendwann im Endkampf gegeneinander antreten.)
    - Evolution des Lebens.
    Neutral. Kühe könnten sowohl evolutionär als auch durch die Superkuh entstehen.
    - gut und böse
    Das senkt den Wert wieder. Kühe werden schließlich gegessen, ausgebeutet usw.
    - Kuh-Erfahrungen
    Lila Kühe wurden schon vielen Menschen beobachtet.

    Es gibt auch weitere gute Argumente, etwa Milch:
    Alle Menschen lieben Milch. Alle Menschen haben schon positive Erfahrungen mit Milch gemacht. Selbst Kinder lieben schon Milch, ohne dass man sie etwa dazu erziehen müsste, wie die blöden Milch-Hasser behaupten. Milch-Liebe kommt in allen Kulturen der Erde vor.
    Schon Urzeitmenschen mochten Milch. Höhlenmalereien deuten davon.

    Also 3 Indikatoren dafür, einer dagegen und einer neutral. Die lila Superkuh existiert!

    Ernsthaft: Ordnung und Entstehung des Kosmos sagen nichts über die Wahrscheinlichkeit Gottes aus, da dies bereits vorraussetzt, es müsste irgendetwas besonderes im menschlichen Sein oder im Sein überhaupt liegen. Noch dazu wird das durch "gut oder böse" entwertet, wenn es "Gottes Wille" wäre, dass das Universum existiert und so existiert wie es das tut, soll das ja implizieren, dass er menschliches Leben will.
    Dann hätte er aber auch gleich unendlich viele, unendlich glückliche Menschen erschaffen können, und nicht nur die paar armen Kreaturen hier.

    "Gut und Böse": Abgesehen von Punkt 1 und 2 ist das wertlos - wer sagt denn, dass Gott gut ist?

    Religiöse Erfahrungen: Die lassen sich auch evolutionspsychologisch erklären.
    (Außerdem: es wurde bspw. gezeigt, dass "religiöse Erfahrungen" mit Magneten ausgelöst werden können.)

    Fazit: Die These ist unwissenschaftliche Eristik. Die Hypothese "Gott existiert" ist per definitionem non-empirisch, die wissenschaftliche (empirische) Wahrscheinlichkeit für die Existenz Gottes ist 0.

    Das heisst nicht, dass Gottes Existenz widerlegt wäre, das heisst nur, dass es niemals empirische Beweise/Indizien für die "Existenz Gottes" geben kann.

    Es sei denn natürlich, man biegt sich diesen Gott zurecht: "Gott ist gut" und "Gott liebt/will Menschen" ist bereits ein solches zurechtbiegen, es stellt einen Kreisschluss dar.
    Letzlich ließe sich mit dieser Methode sogar die Wahrscheinlichkeit für Gottes Existenz auf 100% zurechtkonstruieren: Dieser Gott müsste dann nur zufällig vollkommen exakt jenes Universum wollen, dass existiert. Da dann alle Indizien für seine Existenz sprechen, wäre seine Existenz dann belegt?
    Natürlich nicht, es würde immer noch darauf geschlossen werden, dass es etwas existiert, dass nicht existieren muss. Eine Begründung dafür, warum es ein Bewusstsein mit diesem Willen geben sollte, wird nicht geliefert und kann auch nicht geliefert werden.

    Die Philosophie hat dieses Problem schon lange - mit der Antwort, dass wir keine Antwort haben - geklärt, angefangen bei den Christen selbst, die nie einen empirischen Beleg für Gott vorausgesetzt haben, was in den Überlegungen von Occam (der Erfinder des berühmten "Occams Razor") gipfelte, der ja auch nachdem er die Annahme von Gottes Existenz als unlogisch erkannt hatte, weiterhin an ihn glaubte.

    Das der Autor dennoch zu solchen pseudowissenschaftlichen Methoden greift, obwohl er doch durchaus gebildet zu sein scheint, ist für mich ernsthaft erschreckend.

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